... unserem Oberhaupt und Vater, Kapitän und Leithund - Molle - alles Gute zum heutigen Geburtstag! Auf dass der alte Sack hochleben und weitere grusel-schöne Geschichten liefern möge. Prost!
Herzlichst,
der Teamkater
Ort: Berlin, Zoologischer Garten
Zeit: Dienstag, 20. November 2007, 02.20 Uhr
Seit mehreren Stunden sitzen, hocken, liegen und kriechen die Familienmitglieder wortlos vor dem Bibergehege im Berliner Zoo. In einiger Entfernung, im Wildtierpark, hat vor wenigen Minuten der letzte feiernde Gast die Aftershowparty der alljährlichen Herbstmeisterschaft im Crossover-Nature-Minigolf Kategorie Speziell-Spezial verlassen und ist sturzbetrunken nach Hause getorkelt. Ohne das Beisein des Minigolfkombinats, das aufgrund der erschreckenden Ereignisse (insbesondere ist damit Molles seltsame animalische Verwandlung gemeint) nicht am Turnier teilgenehmen konnte, hat sich um ca. Mitternacht das schwedische Amateurteam "Molger" aus Uppsala in der Endrunde gegen den norditalienischen Verein "Farfalla" durchgesetzt und den Sieg eingefahren. Doch davon haben die Familienmitglieder nur wenig mitbekommen, zu tief saß und sitzt der Schock, zu viel Alkohol hat sich in das Blut der vier gemischt. Seit Stunden ist kein Wort mehr gefallen, die Situation scheint wie ein surreales Fernsehstandbild eingefroren. Ein Ausweg ist nicht in Sicht.
Nach einem kurzen Nickerchen rappelt sich gegen halb drei Uhr morgens Klaschenka schließlich ein wenig hoch und wirft einen Blick auf den Vater. Molle ist inzwischen völlig zu einem übergroßen Biber mutiert und nagt im Halbschlaf an einem kleinen kargen Ästchen. Neben ihm, in einiger Entfernung, sitzt ein kleines Bibermädchen (jenes wohl, von dem Molle zuvor so geschwärmt hatte) und blickt ihn in verträumt an. "Papa, Papa? Ich kann nicht mehr. Der Vodka ist leer und ich... es tut mir leid, das ist zu krass. Ich muss hier weg." Klaschenka wartet auf eine Reaktion des Vaters, doch dieser scheint die Worte seiner Tochter überhaupt nicht wahrzunehmen. Nach und nach kommt auch wieder etwas Leben in Mutter und Sohn. Irina steht auf und tritt an Molle heran, Kolja krabbelt auf allenVieren zu seiner Schwester und klammert sich an ihren Rücken. "Kinder, ich glaube, euer Vater ist verloren. Seht ihn euch an. Es gibt nichts, was wir noch für ihn tun können. Ich lass mich scheiden. Ich lass mich scheiden!" Irinas Entschluss scheint in Stein gemeißelt, aber eigentlich kümmert das zu diesem Zeitpunkt niemanden. "Was sollen wir machen? Ich bin sehr müde, ich möchte nach Hause, aber was sollen wir mit Papa nur machen? Er reagiert nicht mehr auf uns, sollen wir ihn einfach hier zurücklassen?" Klaschenka schaut erwartungsvoll und hilflos in die Augen der Mutter. "Ich weiß es nicht. Aber ich sag dir was: Ich scheiß drauf!" Irina brüllt auf Molle hinunter, der vor ihren Füßen liegt und sich weiterhin nicht rührt. Dann herrscht wieder minutenlange Stille. "Die wichtigste Frage ist doch - was wird aus dem Kombinat?!" Kolja überrascht plötzlich mit einer abgeklärten und ungewohnt harten Frage. Irina und Klaschenka schauen ihn vorwurfsvoll an, keine der beiden kann nachvollziehen, wie der Bua (so nennen ihn die anderen Familienmitglieder hinter seinem Rücken, wenn sie sich über ihn lustig machen - insbesondere über seine kindlichen und kaufsüchtigen Charakterzüge) in so einem Augenblick derart kaltherzige Aussagen treffen kann. Klaschenka scheint besonders angewidert von Koljas Frage, schüttelt sich und stößt ihn von sich weg. Irritiert ringt er mit dem Gleichgewicht, springt mit einem Satz hoch und tritt ebenfalls an Molle heran, der - herrjeh keine Überraschung - weiterhin reaktionslos auf dem Boden liegt und im Halbschlaf sein Holz kaut.
"Ich weiß die Lösung", brüllt Kolja plötzlich, tritt dem Vater mit dem Fuß auf dessen wundersam gewachsenen buschigen Biberschwanz und funkelt Mutter und Schwester mit blitzenden Augen an. "Wir holen den Alten jetzt aus seinem verfluchten Schlummerschläfchen, gehen da rauf (zeigt mit dem Arm in Richtung Wildtiergehege) und spielen. Verliert dieser Freak gegen einen von uns, ist er raus. Wir lassen ihn hier zurück und werden das Team neu organisieren. Ende der Durchsage!" Selbstzufrieden stützt sich Kolja die Arme in die Seite und schaut die anderen erwartungsvoll an. "Ok, abgemacht. Schluss mit der Freakshow, Schluss mit den Mätzchen. Der alte Sack hats zu weit getrieben, schaut, wo wir gelandet sind. Ich lass mich scheiden." Irina ist offenbar von der Idee angetan. Klaschenka wendet sich besorgt zum Vater hin, mustert seine traurige Erscheinung und nickt schließlich wortlos.
Mit einiger Anstrengung gelingt es den dreien, Molle aus seinem Schlaf zu wecken. Nachdem Irina ihm schließlich sein Ästchen entrissen hat, unterbreitet Kolja dem Vater seinen Vorschlag. Molle, der zwar nicht ganz zu verstehen scheint, aber doch den Ultimatum-Charakter von Koljas Plan begreift, stimmt zu und setzt sich langsam mit den anderen in Richtung Minigolfanlage im Wildtiergehege in Gang. Einige Meter hinterher, im Schutz der Dunkelheit folgt auch das kleine Bibermädchen. Geleitet vom November-Mondlicht dauert es nicht lange und die Familie erreicht die erste Bahn. Noch-Teamchef Molle soll wie üblich beginnen und setzt zum ersten Abschlag an. Unbeholfen und noch etwas unkoordiniert aufgrund seiner neuen physiologischen Beschaffenheit misslingt der Schlag natürlich. Molle pfeffert den Ball weit am eigentlichen Ziel vorbei, hinaus in das Dunkel, wo hinter lächerlich niedrigen Zäunen die Hirschfamilien schlafen. Kolja grinst, wirft einen fast teuflischen Blick in die Runde und legt siegessicher einen Traumstart hin. Irina und Klaschenka spielen halbherzig mittelmäßig, bleiben aber dennoch vor dem mit sich kämpfenden Vater voran. Bis knapp über die Hälfte der Spielzeit ändert sich wenig: Kolja liegt deutlich voran, Molle versucht mit Mühe zumindest seinen Biberschwanz aus dem Weg zu räumen und sich nicht ständig selbst mit dem Schläger eins auszuwischen. Nach einem weiteren Katastrophenschlag verliert er schließlich die Nerven, schleudert Ball und Schläger ins Dickicht und setzt sich entkräftet neben der 13. Bahn auf den Boden. "Feigling! Freak! Spiel! Spiel das Ding zu Ende!" Kolja entfremdet sich immer mehr von seiner sonst so zurückhaltenden, eingeschüchterten Art. "Wenn ich hier heute gegen dich gewinne, dann wird es ein ehrenvoller Sieg sein. Ein Sieg unter Männern!" Doch Molle kann nicht mehr, wimmert und bibbernd hockt er auf der Erde und will aufgeben. Da platzt der Sohn vollends, nimmt Schläger und Ball zur Hand, stellt sich zur Abschlagmarkierung und zielt...
"Und zaaaaaaaaaaack!" Kolja brüllt. Punktgenau und mit einer Wucht, die einen Stier niederstrecken könnte, trifft der Ball den Vater auf den Kopf - genau zwischen die fellumwachsenen Augen. Molle stößt ein trillerndes "Iiiiinnnng" aus, kippt nach hinten und bleibt ausgestreckt liegen. Die anderen (auch Kolja scheint überrascht und sorgenvoll) eilen zu ihm hin, schauen auf den Vater hinunter und entdecken ein wohlgeformtes Loch auf seiner Stirn, aus dem wasserfallartig dunkles Blut fließt. "Möööööörder!" Klaschenka schreit und schlägt mit beiden Fäusten auf den Bruder ein. Irina verzieht das Gesicht und wendet sich von Molle ab. "Mein Sohn, das war ein Treffer. Ein goldener Schlag." Verwundert über die eigenen Worte fast sich die Mutter an den Kopf und versucht sich offenbar den Schmerz eines solchen Einschlagloches vorzustellen. "Mööööörder! Du hast ihn umgebracht! Du hast den Papa umgebracht!" Klaschenka scheint kurz davor durchzudrehen und brüllt so laut, bis ihre Stimme versagt. Dann wirft sie sich wortlos zu Boden, mitten in das frische Blut, das unaufhaltsam aus Molles behaarter Stirn fließt. Kolja steht reglos da, unfähig das Ausmaß seiner Tat zu begreifen und sinkt schließlich auch auf die Knie.
Es ist totenstill, keines der Familienmitglieder bewegt sich. Die Blutlache weitet sich aus und ergießt sich über die 13. Bahn. Aus einiger Entfernung hört man ein trauriges Wimmern. Es ist das Bibermädchen, das versteckt hinter einem kleinen Strauch dem Treiben die ganze Zeit über zugesehen hat.
Ist das wirklich Molles Ende? Hat Kolja einen Vatermord begangen oder kann deus ex machina noch einmal den Tod abwenden? Warum können Schweden so gut minigolfen und haben sie am Ende gar den Boogie-Woogie ins Spiel gebracht? Wird Irina tatsächlich Erik den Lackschuhmann heiraten und wie kann Klaschenka Kolja jemals den Anschlag auf den Vater verzeihen? Diesen Fragen wird auf den Grund gegangen, wenn es wieder Zeit ist für: The Minigolf Family
Ort: Berlin, Zoologischer Garten
Zeit: Montag, 19. November 2007, ca. 16.00 Uhr
Nach wochenlangem, knochenhartem Training hat sich das Minigolfkombinat auf den Weg zu einem außergewöhnlichen Turnier nach Berlin gemacht. Im Zoologischen Garten, genauer gesagt im großzügig angelegten Wildgehege, findet hier die alljährliche Herbstmeisterschaft im Crossover-Nature-Minigolf Kategorie Speziell-Spezial statt. Seit Jahren schon ist es der Wunsch aller Familienmitglieder gewesen, einmal im Leben an diesem legendären Turnier teilzunehmen. Pünktlich, eine halbe Stunde vor Spielbeginn, treffen sich die Eltern (aufgrund von Molles krankhafter Flugangst sind sie mit dem Zug angereist) mit Klaschenka und Kolja (die natürlich den Luftweg vorgezogen haben) am Eingang Ost zum Wildtierpark. Als die Kinder auf das Gehege zusteuern, sieht man Irina bereits aus einiger Entfernung in angeregter Unterhaltung mit einem prächtigen Zehnender. Ganz offensichtlich ist sie voller Bewunderung für den gleichmäßig gewachsenen Kopfschmuck des jungen Damhirsches. Molle ist nirgendwo zu sehen.
"Mama, na? Schon wieder neidisch?" Klaschenka stürmt auf die Mutter zu und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. "Wie war die Fahrt? Siehst ein bisschen fertig aus. Wo isn der Papa?" Irina dreht sich um, schaut nach allen Himmelsrichtungen und zuckt schließlich wortlos mit den Schultern. Sie scheint irritiert und gleichzeitig in ihrem Gespräch mit dem Hirsch gestört. "Schau halt ein bisschen rum. Er wird schon wieder kommen, gerade hab ich ihn noch irgendwo husten gehört." Klaschenka lässt die Mutter stehen (Kolja bleibt wortlos an Irinas Seite und lauscht ihrem Wildtiergespräch) und schlendert in Richtung Affenhaus. Wo sonst könnte der Vater hingegangen sein, wenn nicht zu den Affen. Immerhin hat er Boris zuhause versprochen, ein paar Fotos von den Schimpansenweibchen zu machen (möglichst in aufreizender Pose) - als Entschädigung sozusagen, weil der Teambetreuer wieder einmal wegen dem Medizinstudium nicht mitkommen konnte. Doch bei den Affen ist Molle nicht zu finden. Klaschenka dreht um und beschließt bei den anderen am ausgemachten Treffpunkt auf den Vater zu warten. In Gedanken versunken geht sie den Weg zum Wildpark zurück, als plötzlich ein Rascheln im Gebüsch zu vernehmen ist. Klaschenka bleibt stehen und starrt in... was steht auf dem Schild? ...starrt in das Bibergehege. Am Rand eines kleinen, künstlich angelegten Baches zwischen zwei Haselnussbäumchen sitzt Molle und nagt an einem großen Stück Holz. Klaschenka reibt sich die Augen: Der Vater hockt auf dem feuchten Erdboden und nagt an einem großen Stück Holz. "Njamnjam. Dddddbbbbbbbrrt. Njamnjam." Molle scheint keine Notiz von seiner Tochter zu nehmen. "Papa? Sag einmal, Papa was ist mit Dir? Was zum Teufel treibst Du da drinnen?" Klaschenka ist fassungslos. Bevor sie ein weiteres Wort sagen kann, zieht sie ihren Flachmann aus der Tasche hervor und nimmt einen kräftigen Schluck Vodka. "Paapaa?!" Molle dreht sich langsam zu Klaschenka um, weiterhin das Holz in den Händen. "Ach du Scheiße! Schhhhheiiiiße!" Klaschenkas Beine geben nach und sie sinkt auf die Knie. Der Anblick des Vaters ist tatsächlich unbeschreiblich. Mit aufgeschwollenen Lippen, mysteriösem Haarwuchs auf Gesicht und Armen und kiloweise Sägespähnen an der Kleidung lächelt Molle (weiterhin am Holz knabbernd) seiner Tochter entgegen. "Fuck, was ist mit dir passiert?" Klaschenka glaubt zu träumen, hysterisch kneift sie sich selbst immer und immer wieder in den rechten Oberarm. "Ich hab einen Biber geküsst! Hi-hi. Hi-hi. Njamnjam. Die Biber sind verrückt! Die haben mich gekidnappt, dabei wollte ich nur ein Feuerzeug ausleihen." Molle kriecht auf allen vieren in Klaschenkas Richtung. In diesem Moment kommen auch Irina und Kolja angerannt. "Kinners, es geht gleich los, wir müssen an den Start! Die machen gleich bei den Hirschen auf, wir müssen spielen", Irina schreit aufgeregt - noch einige Meter von Molle und Klaschenka entfernt. Im nächsten Moment - Mutter und Sohn haben das Bibergehege noch gar nicht erreicht - sinken auch sie zu Boden. "Bam, oida!" Irina ringt um Luft, Kolja beginnt zu weinen und trommelt mit Armen und Beinen wie wahnsinnig auf den Zoo-Spazierweg "Der wilde Pfad",auf dem er zu liegen gekommen ist, ein. Während alle fassungslos sind und ihren Augen nicht trauen, scheint Molle völlig unaufgeregt mit seiner seltsamen Situation im Reinen zu sein. "Die Biber sind verrückt, aber so lieb. Das Mädchen da (zeigt auf ein braunes, haariges Etwas, das in einigem Abstand zu ihm auf einem nassen Stein sitzt) hat mir ein Bussi gegeben. Ein Bussi, Bussi, Biberbussi. Es hat ein bisschen weh getan wegen den Zähnen, aber die Kleine hat es nett gemeint." Molle grinst und wirft sein Holz beiseite. "Was ist mit dir geschehen? Du hast überall Haare und deine Lippen, scheiße, ey, ich packs nicht. Oida, du frisst Holz?!" Ich glaub, Du warst zu lang im Soli... Fuck!" Irina pöbelt in Richtung Molle. "Komm aus dem Scheiß-Käfig raus. Wie bist Du überhaupt da hinein geraten? Ich hab gedacht, Du gehst die blöden Affen fotografieren? Oida, bam. Baaaaam!" Irina schreit so laut, dass ihre Stimme versagt. Kraftlos bleibt sie auf dem Boden sitzen und schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Klaschenka und Kolja rühren sich nicht und starren ungläubig auf den Vater, als dieser anfängt mit den Schneidezähnen (die offenbar innerhalb der letzten fünf Minuten um einige Zentimeter gewachsen sind) den Maschendrahtzaun des Geheges aufzubeißen. Mit einigen wenigen eleganten Bissen zerteilt er das drahtige Geflecht, steckt den Kopf durch ein Wassermelonen-großes Loch und zwängt sich durch den Zaun. Dann krabbelt er auf den Knien - flink wie ein Wiesel (ja, wie ein Wiesel) - auf Klaschenka zu, die knapp vor dem Bibergehege kauert und setzt sich neben sie. "Meine liebe Tochter, die Biber sind verrückt, aber sie sind auch lieb. Schau... schau, das Mädchen da drüben (zeigt auf einen leeren nassen Steinbrocken am Ufer des künstlich angelegten Bächleins) hat mich..." Klaschenka kann die Situation nicht mehr ertragen und schlägt dem Vater mit dem Flachmann gegen die aufgequollenen Lippen mitten ins Gesicht. Molle verstummt, Mutter und Sohn hocken apathisch auf dem Spazierweg.
Rückblende:
5. August, nachmittags in Vienna Minigolf City: Irina ist gerade aus einer dunklen Spelunke geflüchtet und torkelt betrunken durch die Stadt. Als sie gerade erschöpft von ihren odyseehaften Spaziergängen (wenn man so will) auf einem Supermarktparkplatz hinter einer Altpapiertonne zu Boden sinkt, hört sie plötzlich eine vertraute Stimme. "Ich Dir iberall gesucht. Den ganzen weiten Weg bin ich gelauft. Endlich ich Dir gefunden, meine kleiner Süße." Irina blickt auf und erkennt im gleißenden Sonnenlicht eine Bekanntschaft aus der letzten Nacht: Es ist der Boogie-Woogie-Mann. Seine Lackschuhe glänzen unter einer dünnen Schicht Staub und zum ersten Mal erkennt sie die wunderbare Qualität und Verarbeitung seines italienischen (?) Maßanzugs. Er beugt sich zu Irina hinunter und packt sie am Arm. "Komme, meine kleiner Süße, alles wird werden gut jetzt du bei mir." Irina steht auf, hakt sich bei dem immer noch Fremden unter und versucht fieberhaft, ihre Erinnerungslücken zu schließen. Immerhin, sie kann sich entsinnen, diesem Mann in den vergangenen 24 Stunden begegnet zu sein. Wortlos schlendern die beiden über den Parkplatz, gelangen auf eine Straße und setzen sich schließlich in das Wartehäuschen einer Busstation. "Ich Dir jetzt zeigen meiner Freunde. Und ich dir geben besonderes Geschenk, Du nicht vergessen im Leben nie." Irina leht den Kopf an Boogie-Woogie-Manns Schultern, schließt die Augen und schlummert ein.
Zurück in Berlin:
"Ich lass mich scheiden!" Irina brüllt Molle an, der immer noch neben der Tochter hockt, und schleudert einen ihrer Schuhe in seine Richtung. "Ich wollts Dir nicht sagen, aber jetzt kann ich nicht mehr. Ich hab genug von Deinen Spinnereien - Biber?! What the hell..." Klaschenka dreht sich zur Mutter um, während Molle weiterhin stumm dasitzt und sich nicht weiter zu wundern scheint. "Was wolltest Du ihm nicht sagen?" Irina wendet sich der Tochter zu und spricht in ruhigem, aber bestimmtem Ton: "Erik hat mir einen Antrag gemacht. Erik hat ziemlich viel Kohle, das weiß ich, weil ich ne Zeit lang bei ihm gepennt hab... damals. Eigentlich liebe ich ihn nicht, ich liebe jemand anderen. Natürlich nicht Deinen Vater, aber ich liebe jemanden. Erik nicht. Aber Erik hat mir einen Antrag gemacht und jetzt werde ich ihn doch annehmen." Klaschenka versteht die Welt nicht mehr. Wovon redet die Mutter? "Wer ist Erik?" Klaschenka fixiert die Mutter mit eisernem Blick. Irina scheint innerlich gegen etwas anzukämpfen, es dauert einige Minuten, schließlich richtet sie sich auf, zupft sich nervös die Haare zurecht und sagt: "Lackschuhe." Dann nichts mehr. Keiner der vier spricht, niemand bewegt sich. Die Luft scheint zu brennen. Molle ähnelt immer mehr einem Biber als einem Menschen, Kolja und Klaschenka sitzen wie zwei Häufchen Elend auf einem öffentlichen Spazierweg im Berliner Zoo und wissen nicht mehr weiter. Irina beschließt, kein weiteres Wort zu verlieren - ihre Entscheidung steht fest . Mit verachtenden Blicken mustert sie ihren Noch-Ehemann, denkt zurück an jene Nacht, in der sie an der Schulter des Boogie-Woogie-Manns eingeschlafen ist, denkt an die Erlebnisse der darauffolgenden Wochen und beginnt leicht mit den Füßen auf den Boden zu trippeln. Aus einiger Entfernung ertönt ein schrilles Hupen - das Hirschgehge wird geöffnet. Die alljährliche Herbstmeisterschaft im Crossover-Nature-Minigolf Kategorie Speziell-Spezial beginnt. Das Minigolfkombinat wird nicht dabei sein.
Was ist mit Molle geschehen, was hat es mit den Bibern auf sich? Was ist zwischen dem Boogie-Woogie-Mann (Erik, wie jetzt bekannt ist) und Irina vorgefallen und welches unvergessliche Geschenk hat er ihr gemacht? Wie wird es im Berliner Zoo weitergehen, kann die Familie all diese mysteriösen Ereignisse verarbeiten und bewältigen? Bringt Boogie-Woogie am Ende böses Blut in die Minigolfharmonie? Das und eine Reihe anderer irrsinniger Fragen wird vielleicht beantwortet, wenn es wieder heißt: The Minigolf Family.
Ort: Vienna Minigolf City, Notaufnahme Allgemeines Krankenhaus/Restaurant "Füchslein"
Zeit: Sonntag, 5. August 2007, vormittags
"Rhhhämm. Rrrrm. Hmmm." Dr. Stiegel räuspert sich und fährt fort: "Also, ich sehe, Sie alle hier wollen gewiss erfahren, wie es um Ihre Angehörige steht. Nun, ich muss Ihnen leider sagen - ich weiß es auch nicht." Klaschenka starrt den Arzt an und schüttelt ungläubig den Kopf. Was redet dieser Trottel da, wozu ist er Mediziner geworden. Klaschenka könnte schon wieder platzen. Da kommt ihr Molle zuvor. "Was heißt denn das bittesehr, bitteschön? Liegt meine liebe Frau Irina denn nicht hier in diesem Krankenzimmer und haben Sie, mein lieber Herr Strievel, Striegele, äh, haben Sie denn keine Diagnose gestellt?" Molle zeigt auf jene Tür, auf die zuvor schon Kater Ivan hingedeutet hatte, zündet sich die nächste Zigarette an und blickt erwartungsvoll in die leicht verquollenen Augen des Doktors. "Nein. Nein, das habe ich nicht, Herr... Ich habe das nicht gemacht. Ich wollte, aber als wir Ihre _liebe Frau_ untersuchen wollten, nachdem sie hier völlig besoffen und in ihrem eigenen Erbrochenen eingeliefert worden war, in Begleitung dieses charmanten jungen Mannes (zeigt auf den Lackschuh-Boogie-Mann, der etwas abseits steht und verwirrt zuhört)... Und wo waren Sie eigentlich, mein Herr..." Molles Blick verfinstert sich, er tritt etwas näher an den Arzt heran. "Nun jedenfalls, gerade als ich Ihrer Frau meine medizinische Hilfe angedeihen lassen wollte, kam sie zu Bewusstsein. Sie schüttelte sich auf dem Krankenbett wie eine Verrückte, sprang auf, verpasste einer unserer Schwestern einen heftigen Schlag ins Gesicht und rannte aus der Notaufnahme - schneller als ich Buh sagen konnte. Dann eilte hier fast zeitgleich dieser kleine kecke Kater in das Wartezimmer, verweigerte jegliche Kommuniaktion und hockte sich auf diesen Stuhl (zeigt auf Ivan, der nach wie vor mit gesenktem Blick an Bananenüberresten knabbert). Wie ich nun sehe, gehört er wohl auch zu Ihnen."
Die Familie blickt sich gegenseitig an. Molle zuckt mit den Schultern und tätschelt Ivan beiläufig das Köpfchen. Boris, Klaschenka und Kolja wenden sich dem Unbekannten zu. "Und nu, was können Sie zu der Geschichte noch beitragen? Haben Sie unsere Mutter derart verschreckt? Was zum Teufel haben Sie mit Ihr gemacht?!" Klaschenka wird ungehalten. "Nichts ich gemacht, gebracht hierher und gewartet. Kater auch gewartet hat mit mir und auf kleinen Zettel geschrieben seinen Namen und dass er warten tut auf diese Frau - Irina, nun wie ich weiß. Ich ihm gesagt habe, diese Frau sein nicht mehr hier, ich wollen reden mit Arzt, was zu tun sein kann. Dann wir beide beschlossen warten auf Familie. Nun Familie ich kennengelernt." Der Lackschuh-Mann lächelt freundlich und streckt seine Hand aus. Klaschenka tritt an ihn heran und schlägt seine Hand zurück. "Das glaubst du ja wohl selbst nicht, du Penner, du in deinem süßen kleinen Anzug mit deinen süßen polierten Schühchen. Raus jetzt damit, was ist passiert und wieso ist meine Mama weggelaufen, hä?!" Molle tritt Klaschenka untestützend zur Seite, ballt die Fäuste und starrt den Mann angriffslustig an. Boris wirkt aufgeregt und beginnt leise Geräusche von sich zu geben, während er unruhig zwischen den Anwesenden umherhüpft.
Zur selben Zeit, vermutlich geht es bereits auf Mittag zu, hackt eine kleine dicke Frau, vermutlich um die Fünfzig, Zwiebeln in der Küche eines kleinen schummrigen Lokals am anderen Ende der Stadt. Sie murrt vor sich hin und scheint nicht gerade bester Laune. Draußen im Gastraum sitzen zwei Leute - an der Bar ein alter Mann im Jogginganzug, der bedächtig an einem Bier schlürft. Ganz hinten in der letzten, dunkelsten Ecke kauert eine müde und verwahrlost wirkende Frau. Es ist Irina. Sie hatte sich nach ihrer Flucht aus dem Krankenhaus im Alkoholrausch zunächst in irgendeine Straßenbahn gesetzt und war bis zur Endstation gefahren. Als sie sich völlig verschmutzt und mit jeder Menge Erinnerungslücken schließlich an einer Haltestelle Mitten im Nirgendwo wiederfand, beschloss sie, auf keinen Fall Panik zu bekommen und setzte sich erst einmal hilflos neben eine Müllcontainer-Insel. Beflügelt von den Gerüchen, die aus einer Biotonne strömten, und einem immer lauter werdenden Knurren aus der Magengegend entschied sie daraufhin, nach einem kleinen Imbiss Ausschau zu halten. Sie stand mit etwas Mühe wieder auf und ging die Straße entlang. Schon nach wenigen Metern erbilckte sie ein kleines Schildchen auf dem stand: Füchslein. 24h Essen und Trinken. Und darunter etwas kleiner: Österreichisches Bier und Qualitätswein. Irina war sofort Feuer und Flamme und trat ein.
Nun sitzt sie wohl schon seit einigen Stunden in der dunklen Ecke und bestellt ein Bier nach dem anderen - immer abwechselnd mit entweder einem Schinken-Zwiebel-Toast oder einer Bratwurst ohne alles. Eigentlich würde sie sehr gerne nach Hause gehen oder fahren. Allerdings hat sich ihre Gedächtnisleistung noch nicht wieder soweit eingestellt, dass sie den Weg zurück überhaupt finden könnte. Von diesem Umstand relativ frustriert und auch nicht clever genug, das Biertrinken vielleicht für einige Zeit auszusetzen, lässt sie sich also weiterhin ein kühles Blondes nach dem anderen kommen. "Es ist eigentlich ganz nett hier. Vielleicht bleibe ich noch ein paar Tage", hört sie sich auf einmal selbst sagen und zuckt erschreckt von der eigenen Stimme leicht zusammen. Im selben Augenblick muss Irina nach vielen vielen Stunden zum ersten Mal wieder an ihre Familie denken. Doch noch bevor sie sich darauf besinnen kann, was eigentlich geschehen ist, übermannt sie wieder der wohltuende Dusel, sie stößt auf und nimmt einen weiteren kräftigen Schluck Bier.
"Was dauerndn scho wieder so laanghe? Ha? Hab einen Hunger zum Bänfressn." Irina schreit in Richtung Küche. Der alte Mann an der Bar dreht sich kurz um, schüttelt den Kopf und widmet sich dann wieder seinen eigenen alkohlverseuchten Gedanken. Im nächsten Moment schießt die dicke Frau aus der Küche, eilt an Irinas Tisch und schlägt ihr Wortlos mit einem Geschirrtuch ins Gesicht. "Und jetzt schleichst dich raus hier, du besoffenes Weib!" Ein paar Zwiebelringe machen es sich in Irinas zerwühlter Haarpracht gemütlich, sie rappelt sich auf, leert im Stehen ihr Bier und torkelt aus der Tür. Im Hintergrund hört sie aufgeregtes Schreien. "Bezahlen, bezahlen!" Aber Irina dreht sich nicht um, beschleunigt den Schritt und läuft weiter die Straße hinunter.
Wo wird es Irina hinverschlagen? Wird sie jemals wieder zu Bewusstsein gelangen? Wird sich die Familie auf die Suche nach Irina machen? Welches Geheimnis hat der Lackschuh-Mann zu verbergen und wieso, wieso, wieso um Himmels Willen kann Boogie-Woogie kein Ersatz für Minigolf sein? Das, anderes und/oder vieles mehr erfahren wir, wenn es wieder heißt: The Minigolf Family.
Guten Tag,
wenn ich mich kurz noch einmal persönlich vorstellen darf:
Mein Name ist Ivan und ich bin der Teamkater des Minigolfkombinats. Neben meiner Rolle als ständiger Begleiter der Familie, werde ich in Zukunft auch immer wieder kürzere oder längere Kommentare (je nach Erfordernis) aus dem Off abgeben, um auch einen objektiven Blick auf die Minigolf-Familie zu garantieren. Zum Auftakt meiner Kommentatorentätigkeit möchte ich noch kurz ein paar Worte zu der ominösen Speedbanane verlieren:
Ihre Herkunft geht - wie bereits an anderer Stelle beschrieben wurde - auf eine Erfindung von Klaschenka zurück. (Eher zufällig übrigens... In der Art "Not macht erfinderisch". Aber dazu ein andermal vielleicht mehr.)
Im Wesentlichen handelt es sich um keine große Sache. Die Speedbanane ist schlichtweg eine köstlich schmeckende Droge, die sowohl der Nahrungsaufnahme als auch dem Doping des Minigolf-Kombinats dient. Die Zusammensetzung ist denkbar einfach: Man nehme (wie in meiner Skizze beschrieben) ein wenig pulverisiertes Speed. Dieses wird dann mit ewtas Flüssigkeit aufgelöst in eine Spritze gezogen und letztlich in eine mittelreife Banane injiziert. Fertig ist die Speedbanane.
Zur Wirkung: Die Speedbanane sättigt einerseits für etwa eine Stunde. Darüber hinaus hält sie bis zu acht Stunden wach und erhöht die sportliche wie geistige Leistungskraft. Das Suchtpotenzial ist enorm.
Da es sich bei der Speedbanane um eine Droge handelt, die in dieser Zusammensetzung bislang völlig unbekannt war und absolutes Doping-Neuland betrat, wird der Konsum zwar von Behördenseite nicht gerade empfohlen, kann aber bis dato auch nicht strafrechtlich belangt werden. Aufgrund dieses Umstandes entwickelte sich die Speedbanane zu einem wahren Hype in und außerhalb der Minigolf-Szene. Plötzlich wollte jeder davon probieren und jene, die es taten, wollten immer noch mehr. Klaschenka übergab die Produktion aufgrund der hohen Nachfrage schließlich in professionelle Hände und kümmert sich nun nur noch um die finanziellen Angelegenheiten in diesem Zusammenhang.
Wie viel Geld im Detail bereits über den Vertrieb der Speedbanane eingenommen wurde, darf ich an dieser Stelle aus markenschutzrechtlichen Gründen leider nicht öffentlich bekannt geben. Nur so viel: Die Banane ernährt die Familie nicht nur im wörtlichen Sinne. (Auf Molle war ja leider nie Verlass.)
Ort: Vienna Minigolf City, Parkanlage jenseits des Kanals/Notaufnahme Allgemeines Krankenhaus
Zeit: Sonntag, 5. August 2007, ca. 03.45 Uhr
Nachdem sich stundelanges Rufen nach der verloren gegangenen Mutter als erfolglos und Molles Lachanfall als Resultat von Gleichgewichtsstörungen sowie übermäßigem Alkoholkonsum erwiesen hat, bricht die verbliebene Minigolf-Familie die Suche nach Irina ab. Besorgt und erschöpft beschließen Molle, Kolja und Klaschenka den Park zu verlassen und zurück in die Innenstadt zu fahren. Kolja erweist sich als großzügig und hält an der Eingangsstraße zur Parkanlage ein einsames Taxi an. Gerade als die drei in den Wagen steigen wollen, vernehmen sie ein lautes undefinierbares Schreien und Keuchen hinter sich. Molle reagiert sofort: "Der Boris, Kinder da kommt der Boris!" Und tatsächlich: Aus der (noch) Finsternis des Parks nähert sich der Teambetreuer-Affe und versucht wild gestikulierend etwas mitzuteilen. Kolja und Klaschenka haben nach wie vor Probleme mit der Ausdrucksweise des Affen. Nicht so der Vater: Molle übersetzt wie gewohnt:
"Boris hatte gerade Nachtschicht-Bereitschaftsdienst im Krankenhaus, da haben sie die Mama eingeliefert. Geschlafen hat er wie ein Murmeltier, weil ihm das Praktikum überhaupt keine Freude macht... aber wenigstens ist er diesmal zum Dienst gegangen. Abends hat er sich noch gemütlich ein Gläschen Bier genehmigt und dann in sein Kämmerchen im Krankenhaus gelegt..."
Klaschenka verdreht die Augen, der Taxifahrer beginnt zu Murren. "Komm zum Punkt, Papa! Oder sag dem Affen, er soll endlich erzählen, was mit Mama los ist, aber hör auf mit dem Geschwafel", Kolja scheint ebenfalls genervt. Molle räuspert sich, zündet eine Zigarette an und setzt fort, während der Affe ohne Pause weiterschreit. "Ja also, der Boris sagt, Mama wurde eingeliefert. Sie war bewusstlos und hat gestunken. Ein Typ war bei ihr, so ein komischer, meint Boris. Mit Anzug und Lackschuhen. Weil ich besoffen war (meint den Affen), haben mich meine Vorgesetzten weg gejagt, durfte nicht behandeln. Haben mir nicht geglaubt, dass ich zu ihrer Familie gehöre, Naja. Ich hab dann Ivan verständigt und ihn gebeten, ins Krankenhaus zu fahren. Hab mich gleich auf den Weg hierher gemacht, wusste ja, dass ihr ohne mich spielen geht. Der Boris ist schon wieder beleidigt, Kinder. Wir können nicht mehr ohne den Affen auf den Platz, ich sags euch, der Boris verkraftet das nicht!" Molle schweift wieder ab, die Kinder werden immer ungeduldiger. "Na, lasst uns doch ins Krankenhaus fahren, Boris soll ins Taxi steigen und auf dem Weg weitererzählen", Klaschenka drängt zur Eile. Auf der Fahrt kommt es zu keinen weiteren Erkenntnissen, die von irgendwelchem Nutzen sein könnten. Boris klagt zunehmend darüber, dass das Team sich ohne sein Beisein zum Spiel getroffen hat. Molle tröstet ihn und bietet dem Affen Zigaretten an.
Nach rund 20 Minuten erreicht das Taxi das Krankenhaus. Kolja bezahlt, entschädigt den Fahrer mit einem saftigen Trinkgeld für die Unannehmlichkeiten (Wartezeit, Kettenrauchen von Molle und Boris, zweimaliges Übergeben Klaschenkas), dann eilen die vier in das Gebäude. Boris geht voran in Richtung Notaufnahme, die anderen folgen schweigend. Auf der Station treffen sie auf Kater Ivan, der einsam im Warteraum sitzt und an einer Speedbanane knabbert, um nicht einzuschlafen. "Guten Morgen, mein Kleiner." Klaschenka beugt sich zum Kater hinunter und streichelt über sein Köpfchen. Ivan zeigt auf eine Tür, senkt den Kopf und knabbert weiter an der Banane. Boris macht sich auf die Suche nach dem zuständigen Stationsarzt, Molle setzt sich neben Ivan und nimmt ein Stück von der Speedbanane.
"Ich geh da jetzt rein." Klaschenka nähert sich zögerlich der Tür, auf die der Kater zuvor gedeutet hat. "Ob das erlaubt ist... einfach so hineinzugehen?" Kolja bestätigt wieder einmal seine übliche Ängstlichkeit und Zurückhaltung, die insbesondere dann zutage tritt, wenn er sich in öffentlichen Gebäuden, in der Nähe von ungesicherten Bahnübergängen oder in der Warteschlange an einer Supermarktkasse befindet. "Ich geh gern alleine, setz dich zu Papa und pass auf, dass er sich benimmt." Klaschenka dreht sich um und schluckt ihre restlichen Gedanken mit dem letzen Tropfen Vodka aus dem Flachmann hinunter. Gerade als sie eintreten will, geht auf dem Gang zum Warteraum das Licht an und ein kleiner, hektisch wirkender Mann in Anzug und Lackschuhen betritt das Zimmer. Kolja stupst seinen Vater an und murmelt: "Papa, das ist der Typ. Das muss der Typ sein, der Mama hierher gebracht hat. Schau mal, schau mal!" Molle hebt den Blick und starrt dem Lackschuh-Mann auf die Beine. Noch bevor er etwas sagen kann, ergreift Klaschenka das Wort: "Sie haben hier heute Nacht eine Frau ins Krankenhaus begleitet?! Diese Frau ist unsere Mutter! Wenn Sie nun so freundlich wären und uns erzählen würden, was vorgefallen ist, wo haben Sie meine Mutter getroffen? Haben Sie Ihr etwas angetan? Haben Sie?" Der Mann nickt unentwegt, während Klaschenka sich immer weiter in Rage redet. Molle und Ivan naschen teilnahmslos an den Resten der Speedbanane. Kolja verfolgt Klaschenkas Redeschwall und wagt sie - offenbar ebenso wie der Lackschuh-Mann - nicht zu unterbrechen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hält sie endlich inne, schnauft und starrt den Mann erbost an. "Ich getanzt auf Festivalll von Boogie-Woogie mit meine lieben Cousine. Wir sind gekommen in letzte Runde von Pokalturnier. War schon spät, glaube ich. Ich bin angereist von... verzeihen Sie, ich habe vergessen, meine Name zu sagen. Ich..."
Plötzlich schießt Boris um die Ecke, im Schlepptau der Stationsarzt. Klaschenka wendet den Blick vom Lackschuh-Mann ab und herrscht ihn mit einer Handbewegung an, den Mund zu halten. Sie geht auf den Arzt zu, auch die anderen erheben sich und blicken erwartungsvoll in Richtung Boris und Dr. Michael Stiegel, wie auf dem kleinen Schildchen an seiner Brust zu lesen steht.
"Nun, ich muss Ihnen leider mitteilen..." Gebannt blickt die Familie auf den Arzt, Molle zündet sich trotz strengen Rauchverbots eine Zigarette an, dann setzt Dr. Stiegel nach einer dramaturgischen Pause fort...
Welche Botschaft hat der Arzt zu überbringen? Warum verdammt nochmal kann Boogie-Woogie kein adäquater Ersatz für Minigolf sein? Und was hat es eigentlich mit den leckeren Speedbananen auf sich? Wie es weitergeht, erfahren wir in der nächsten Folge von "The Minigolf Family".
Ort: Vienna Minigolf City, Parkanlage jenseits des Kanals
Zeit: Samstag, 4. August 2007, ca. 18.30 Uhr
In der Abenddämmerung treffen sich die vier Familien- bzw. Teammitglieder an einer exponiert gelegenen U-Bahnstation am Rande einer weitläufigen, üppig begrünten Parkanlage. Molle trifft als erster am ausgemachten Treffpunkt (überdimensionierter Aschenbecher am Ein-/Ausgang der U-Bahnstation) ein. Genervt von der untergehenden Sonne, deren lästiges Licht lange Schatten ins Innere der Stationshalle wirft, zündet er sich ein bis zwei Zigaretten an und wartet auf den Rest der Sippe. Dabei verfällt der Teamchef in Gedanken an den Winter als...
Rückblick:
An dieser Stelle sollten ein paar Worte zur Erklärung gesagt werden. Die Minigolf Familie hat sich bis zu diesem Tage seit gut einem halben Jahr nicht mehr zusammengefunden. Nachdem im vergangenen Winter Irinas Depressionen immer stärker zu Tage getreten und Molles Alkoholsucht zur ernsthaften Bedrohung für Leib und Leben des restlichen Teams geworden war, hatten die Eltern letztlich mit ausreichend Beruhigungsmitteln im Blut ganz vernünftig entschieden, sich bis auf weiteres zunächst einmal räumlich zu trennen und den gemeinsamen Haushalt in der hübschen Innenstadtwohnung aufzugeben. Um weitere Streitigkeiten zu vermeiden, beschlossen beide, die heimelige Wohnung zu verlassen und rieten im Zuge dessen auch den Kindern, sich nach einer neuen Bleibe umzusehen. Molle bezog ein Zweizimmer-Schnäppchen in einem Boborandbezirk, das er sich de facto aber von Anfang an nicht leisten konnte. Irina konnte einen Platz in der städtisch geförderten "Wohngemeinschaft für alleinstehende und/oder psychisch beeinträchtigte Mütter" ergattern und lebt nun in einer WG mit drei weiteren jungen Frauen in einem durchwegs baumreichen Außenbezirk. Um die Fehler der Elternegeneration von vornherein zu vermeiden, entschieden auch Klaschenka und Kolja lieber gleich in getrennte Wohnungen zu ziehen. Kolja zog es in die Nähe des Vaters - mit dem Unterschied, dass er nun tatsächlich in einer Luxushütte inmitten der angesagten Szeneviertel seine Zelte aufgeschlagen hat (natürlich lebt auch er über seine Verhältnisse). Klaschenka blieb entgegen ihres Naturells bescheiden und nahm sich gemeinsam mit Teamkater Ivan eine gemütliche Wohnung im Süden der Stadt - nicht die allerbeste Lage, aber auch nicht das Tor zur Vorstadthölle.
Zur Klärung der Fronten, zur Aufarbeitung schwerer sportlicher Niederlagen sowie zu Selbstfindungszwecken (vorwiegend der Mutter) einigte sich die Familie darauf, sich einige Zeit lang aus dem Weg zu gehen. (Klaschenka und Kolja, die grundsätzlich nichts von dieser Idee hielten, trafen sich in den Monaten der "Auszeit" natürlich heimlich.) Zur Herbstsaison-Eröffnung wollte man sich dann jedenfalls am 6. August zu einem Auftaktspiel wiedertreffen und über die versöhnlichen Bande des Sports in entspannter Atmosphäre wieder zu einander finden - wenigstens als Minigolf-Team.
... als diese Schlampe das letzte Bier aus dem Kühlschrank genommen und es demonstrativ aus dem Fenster gekippt hatte. Molle zieht heftig an seiner Zigarette und murmelt unverständliche Sätze in einer Art Dänisch? Schwedisch?
"Servas!" Da kommen die Kinder, der Vater begrüßt sie auf üblich herzliche Weise. Klaschenka verdreht die Augen und hat schon wieder die Schnauze voll, Koljas Augen strahlen - er freut sich den Papa zu sehen. "Wir müssen noch auf die Mama warten, die kommt halt immer zu spät." Molle gibt sich betont lässig. Tatsächlich dauert es dann noch etwa eine Viertelstunde, dann ist die Famile, das Team, nach langer Zeit wieder an einem Ort vereint.
Zunächst weiß niemand so recht, was gesagt werden könnte, um die offenbar angespannte Atmosphäre aufzulockern. Also machen alle, woran sie gewöhnt sind: Mama und Papa gehen voran in Richtung Minigolfbahn, die eingebettet und recht versteckt in der weitläufigen Parkanlage angesiedelt ist. Die Kinder schleichen hinterher. Klaschenka zieht ihren Flachmann aus der Tasche und bietet zur Auflockerung im Gehen allen einen Schluck Vodka an. Nach der kurzen Stärkung beschleunigen die vier ihre Schritte und versuchen noch vor Einbrechen der Dunkelheit die Minigolfanlage zu erreichen. "Ein Spiel machen wir auf jeden Fall", mahnt Molle und treibt die anderen an.
Auf dem Weg durch den Park kommt die Minigolf-Familie an einem Pavillion vorbei, in dem gerade eine Boogie-Woogie-Tanzveranstaltung stattfindet. Irina ist verzückt und drängt darauf, kurz zu verweilen. Die anderen Teammitglieder stöhnen und drängen auf das Minigolfspiel. Doch Irina lässt sich nicht abbringen. "Ein Bier könnten wir hier wenigstens trinken. Papa spielt sowieso lieber, wenn er ein bisschen was intus hat." Klaschenka nickt. Kloja verdreht die Augen und hofft auf die Durchsetzungskraft des Vaters. Dieser jedoch - zu seinem Nachteil halbwegs nüchtern - ist auf Harmonie bedacht und gewährt seiner Frau anlässlich des Wiedersehens ihren Wunsch.
Die Familie setzt sich nebeneinander auf eine leere Bierbank vor dem Pavillion und Molle gibt für jeden eine Flasche Bier aus. Irina trinkt einen kräftigen Schluck, atmet tief durch und wippt beschwingt zur Musik mit. Alle anderen langweilen sich.
Unnötig zu erwähnen, dass es inzwischen natürlich dunkel und ein Minigolfspiel de facto unmöglich geworden ist. Doch Teamchef Molle will sich nicht umsonst aus seinem Zwei-Zimmerloch geschleppt und ein sauberes Hemd angezogen haben. Nachdem alle ihr Bier geleert haben, treibt er die Familie neuerlich an und schreitet voran in Richtung Minigolfbahn. Gerade noch rechtzeitig bevor die Anlage schließt, bezahlt Molle die erforderlichen Gebühren und komplimentiert das Team zum ersten Loch.
In völliger Dunkelheit beginnt die Minigolf-Familie ihr Wiedersehens- und Herbstsaison-Auftaktspiel. Bahnbeleuchtung gibt es keine, was die Bedingungen als "erschwert" bezeichnen lässt. Doch Molle ist nicht auf den Kopf gefallen, er verlangt die Aushändigung sämtlicher Mobiltelefone von den Familienmitgliedern und leuchtet den Spielenden den Weg. Zu Beginn scheint die Taktik tatsächlich aufzugehen - noch bei Bahn vier hat niemand seinen Ball verloren oder den Schläger des anderen über den Kopf gezogen bekommen. An der achten Station schließlich, Klaschenka hat ihren Flachmann geleert und ordentlich einen im Tee, muss das Team auf einen kleinen Erdhügel steigen und von dort aus abschlagen. Beim Aufstieg schon zeigen sich bei jedem einzelnen mehr oder weniger große Schwierigkeiten angesichts des tatsächlich mehr als fahlen Lichts der Handys. Irina schlägt als erste ab und verschwindet daraufhin im Dunkel, danach Kolja, dann Molle. Zuletzt versucht Klaschenka ihren Ball durch die Nacht ins Loch zu brettern, daraufhin wird auch sie von dem Schwarz der Minigolfanlage aufgesogen und ist nicht mehr zu sehen. Die Familie verständigt sich nur noch über Zurufe, während sich gleichzeitig ein Handyakku nach dem anderen verabschiedet und das Licht der modernen Technologie erlischt. Mit dem Herzen einer Mutter kämpft Irina darum, durch ständiges Ausstoßen fürsorglicher bis verzweifelter Laute ihre Familie zusammenzuhalten. Sie drängt die Kinder dazu, auf jeden Ruf mit einem Wiederruf zu antworten, um sicherzustellen, dass niemand verloren geht. Auch Molle soll das so machen. Auch Molle macht das so. Mit einiger Mühe scheinen sich alle vier wieder aneinander anzunähern und den Weg zur nächsten Bahn zu finden. Doch dann plötzlich - Klaschenka und Kolja sind sich bereits überglücklich in die Arme gefallen - bleibt der Ruf der Mutter aus. "Ist dir die Luft ausgegangen, hä?" Molle stolpert in seine beiden Kinder, die ihn gerade noch vor einem Sturz bewahren können. "Jetzt sagt sie nix mehr, die Mama." Molle lacht seinen aufgestauten Ärger aus. Klaschenka und Kolja nehmen einander an den Händen und beginnen besorgt nach der Mutter zu rufen. Molle lacht. Klaschenkas Herz rast, Kolja versucht den Vater zum Schweigen zu bringen, indem er ihm Zigaretten in den Mund stopft. Molle lacht noch lauter.
Keine Spur von Irina. Die Mutter ist im Dunkel der Minigolfanlage ganz plötzlich einfach verschwunden. Was mag nur geschehen sein? Hat sich die besorgte Mama am Ende selbst verlaufen? Wurde sie Opfer eines Verbrechens oder hat gar Molle seine Hände im Spiel? Und warum zur Hölle lacht der besoffene alte Trottel so hysterisch?
... wie es weitergeht und warum Boogie-Woogie kein Minigolf-Ersatz sein kann, erfahren wir in der nächsten Folge von "The Minigolf Family".
Als Ort der Handlung dient die fiktive, aber stark von der Realität beeinflusste, Stadt - Vienna Minigolf City. Hier leben, arbeiten, lachen und weinen die Mitglieder der Minigolf Family. Der Großteil der dramatisch erheiternden Abenteuer soll sich demnach auch in Vienna Minigolf City abspielen. Nichtsdestotrotz wird es aber auch Ausflüge in ferne Länder (Deutschland, Ungarn oder Irland) geben, wo außergwöhnliche Herausforderungen, besondere Erlebnisse und auch Gefahren auf das Minigolfkombinat warten. Immer wieder werden sich die verkommenen Vier ihren Aufgaben stellen und diese mit oder ohne Hilfe ihrer Begleiter und Beschützer bewältigen. (Manchmal auch nicht.)
Es wird gefeiert und getanzt werden in Vienna Minigolf City, es wird fantastische Höhenflüge und krasse Niederschläge geben, Erfolge und Misserfolge, Freud und Leid. Am Anfang wie am Ende steht immer der Sport, der die Familie zusammenhält und über jede noch so tragische persönliche Niederlage hinwegtröstet.
Zeitlicher Rahmen der Handlung ist das 21.Jahrhundert, das Hier und Jetzt. Dazu kommt die besondere zeitliche Ebene der Sehnsucht nach dem totalen Sieg. Diese wird ihre Beschreibung in Special-Traumepisoden finden, in denen sich die Minigolf-Familie als Biber im Berliner Zoo auf ganz spezielle Art und Weise dem Sport sowie dem Alltag widmet.
Stay tuned.
Der Affe
Name: Boris
Alter: unbekannt
Herkunft: Berliner Zoo
Merkmale: frech, aufgeweckt und hilfsbereit, wohnt bei Teamchef Molle, sorgt für Überraschungen und bringt die Familie mitunter in brenzlige Situationen
Funktion: Teambetreuer, angehender Teamarzt (falls er die Abschlussprüfung schafft)
Der Kater
Name: Ivan
Alter: 5 Jahre (für immer)
Herkunft: russisch-italienische Wurzeln
Merkmale: aggressiv-liebenswert, klug und unabhängig, kommentiert aus dem Off
Funktion: ständiger Begleiter
Die Speedbanane
wichtigstes Nahrungs- und Dopingmittel der Minigolf-Familie
ihre Erfindung geht zurück auf Tochter Klaschenka, mittlerweile wurden über das Merchandising mit der Speedbanane mehr Einnahmen erzielt als über die sportlichen Erfolge des Minigolfkombinats
Der Vater
Name: Molle
Alter: 30 plus
Herkunft: vermutlich skandinavische Wurzeln
Merkmale: Alkohol- und Nikotinsucht, Aggressivität, heruntergekommen und verwahrlost, verkannter Literat, verschuldet, Hang zu Weibereien, autoritäres Familienoberhaupt
Funktion: Teamchef/Kapitän
Die Mutter
Name: Irina
Alter: offenbar jünger als die eigenen Kinder
Herkunft: österreichisches oder irgendein anderes Provinzdorf
Merkmale: gescheiterte Biologin, gutmütig, von klassischer Schönheit, Prozac-abhängig, frustriert, auf der Suche nach einem Millionär, liebevolle Mutter
Funktion: Teammitglied
Der Sohn
Name: Kolja
Alter: schwankt zwischen 5 und 25
Herkunft: Bobobezirk Wien
Merkmale: faul und schläfrig, konsumorientiert, schlechter Verlierer, Bewunderer des Vaters, verhaltensauffällig aufgrund der Familienverhältnisse, in Therapie, liebt seine Schwester
Funktion: Teammitglied
Die Tochter
Name: Klaschenka
Alter: vorwiegend Mitte 20
Herkunft: südlich gelegener Freistaat am Fuße der Alpen
Merkmale: zynisch, ideenreich, Drogen- und Schokoladensucht, tendiert zur Mutter, gelegentliche Freak-Outs aufgrund der Familienverhältnisse, in Therapie, liebt ihren Bruder
Funktion: Teammitglied